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Fasnet für Anfänger
(Von Hermann Palmer)
Es fängt damit an, den Vollprofis bei ihrem Umzug als Kulisse zu
dienen.
Anfängliche Begeisterung schadet nur. Beginnen soll der Unbedarfte zunächst mit
zaghaften "Narri"-Rufen (üben kann man das im Wald). Damit das ganz klar ist:
Auf unseren Umzügen schreit keiner, der es nicht von der Pike auf gelernt hat.
Ha no wo käme man da aber auch hin, wenn jeder "Narri" schreien wollte,
dem es gerade in den Sinn käme.
"Narri" schreien ist eher ein Privileg für solche, die sich dabei etwas
tiefgründiges denken und bereit sind, dafür zu opfern, als da wäre zum Beispiel die
Freizeit, manchen Feierabend oder und das Familienleben.
Wenn schon einer "Narri" schreit, soll jeder gleich wissen, dass der so manches
Plakettle verkauft, für die Zunft so manche Rote Wurst gebraten und überhaupt wenigstens
ein Einheimischer oder ein Großkopfeter und oder ein potentieller Spender ist.
Großkopfet ist schon deshalb gut, weil dann die nicht Großkopfeten
"Narri"-Schreier wenigstens einen Großkopfeten Umgang haben. Wenn auch nur
während der Fasnet. Wenn du allerdings einen kennst, der schon "Narri" schreien
darf und Großkopfeten Umgang pflegt und der genug Spender kennt und deshalb auf dein
Würstchengehalt verzichten kann, ja dann wäre es vielleicht möglich, auch dich einmal
probeweise "Narri" schreien zu lassen, aber natürlich nur, wenn du nicht
gleichzeitig auch noch Malzer werfen willst. Womöglich gar vereinseigene, mit denen du
irgend einem Subjekt etwas beweisen willst, was die anderen nicht gut heißen können,
weil sie es erstens nicht verstehen und zweitens schon gar nicht tolerieren können.
Das klingt jetzt kompliziert, ist aber ganz einfach: zum Malzerwerfen wird nur
"Narri" geschrieen, wenn das die Zunft erlaubt - und die reserviert das für die
Verdienten oder Großkopfeten oder Spender und damit basta!
Zu Beginn einer gewöhnlichen Fasnetskarriere steht das jahrelange Einsammeln von
Billigstgutsle aus dem Strassendreck. Dazu gleich ein Tipp: sammle stets dort, wo die
Fernsehkamera stationiert ist und die Honoratioren von ihrer Empore leutselig grüßen. An
diesen Stellen hopsen alle Narren höher und sie werfen bis zu hundert mal mehr aus als
andernorts.
Hier fliegen die Brezeln und Schokolade soviel das Herz begehrt. Die Honoratioren mögen
es sehr, wenn Du vor ihnen im Dreck nach Lebensmitteln wühlst. Komischerweise hopfen hier
alle Narren im Stand auch wenn es oft die einzigen Stellen sind, wo die Musiker
ihre Narrenmärsche spielen. Erst wenn die Lücken im Umzug so groß sind, dass weiter
vorne die ersten Zuschauer nach hause gehen, weil sie denken der Umzug sei zu Ende,
marschieren sie wieder weiter.
Und hier noch ein Tipp: Schnauze halten und verklärt auf die Fachnarren schauen und
möglichst nicht lachen. Die wissen ja nicht, ob du sie auslachst!
Den Part mit dem Humor haben sowieso die Fachnarren.
Das klingt alles ein bisschen hart und darf ausschließlich aus der Tradition heraus
verstanden werden. Aus der Tradition derer, welche das schon immer so gemacht haben (oder
fast schon immer). Das ist dann auch je nach Art der Zunft verschieden:
Neuere Zünfte (die mit den Funkenmariechen) bestimmen aus der Tradition derer, die das
schon letztes Jahr so gemacht haben und damals den Herren Gemeinderäten wohlfeil
aufgefallen sind.
Ältere Zünfte bestimmen aus der Tradition derer, welche schon mit dem Bürgermeister
gegessen haben (auf dessen Kosten, versteht sich) und die das schon gemacht haben, als du
noch in die Windeln geschissen hast.
Die historischen Zünfte lassen die Großkopfeten bestimmen, was denen traditionell in den
Kram passt und nicht zuletzt auch, weil sie regelmäßig mit dem Herrn Oberbürgermeister
und dessen Gattin speisen und das natürlich ebenfalls auf dessen Kosten, und weil der das
sowieso abschreiben kann.
Die althistorischen Zünfte bestimmen dagegen in stillschweigender Übereinkunft mit dem
Kapital, dem Adel und der Kirche unter Hinzuziehung eines Vertreters der Landesregierung
(zwecks der Demokratie), dem man anlässlich dieser Gelegenheit ordentlich den Rüssel
waschen kann.
Die Letztgenannten bestimmen denn auch noch zusätzlich über die historischen, auch über
die alten und sowieso über die neuen Zünfte.
In diesem Zusammenhang will ich auch nicht den Geheimbund derer verschweigen, welche so
vorderalthistorisch sind, dass sie nach dem Fäkalisieren den Hintern mit Fuchsschwänzen
putzen müssen.
Die sind vom Fasnetbazillus so lädiert, dass sie sich nur noch alle 4 Jahre vom
heimischen Lokus zu entfernen trauen.
Alle aber bestimmen ausschließlich zum Wohle und Nutzen jener legitimierten
"Narri"-Schreier, welche Arm in Arm und je nach Zuteilung sich fröhlich
verlustieren dürfen. Natürlich immer in Zugrichtung und in TÜV-geprüfter Uniform und
immer im Rahmen der Überlieferung aus Urzeiten, welche mangels exakter Daten an Hand der
Jahresringe der ältesten Holzköpfe der Zunft geschätzt werden müssen.
Gesagtes bedarf nun aber wirklich der Erklärung:
Im Unterschied zum gemeinen Sackhüpfen, geht es bei der Fasnet nicht vordergründig um
gewöhnliches Vergnügen, sondern um die ernsthafte Bemühung, überschwängliche
Wallungen in zunftgerechte Portionen zu zerteilen. Weniger lebensfrohen Zeitgenossen soll
so, in dieser sorgenbelasteten Welt ein Zipfelchen Frohnatur nahegebracht werden. Die hohe
Kunst des Narrens besteht auch und nicht zuletzt in der Abwägung der Weltgeschehnisse und
frägt sich, ob draußen in der Welt gegen die Interessen unseres Volkes geschossen wird
(Golfkrieg 1991), oder ob nur Köpfe eingeschlagen werden, in denen sowieso nichts rechtes
drin ist. Nur die ganz großen Zünfte und deren intellektuelle Vordenker in Presse, Funk
und Fernsehen, sind in der Lage, mit viel Fingerspitzengefühl das richtige Maß an
Narretei zwischen zwei Kriegen zu finden.
Alleingelassen in dieser Welt unausgegorener Narretei, geht es darum, disziplinierten
Schulterschluss mit schöngeistigen Naturen zu üben und auch Arm in Arm zu praktizieren.
Das walte Gott, der Minister und der Oberbürgermeister nebst dessen Gattin Amen!
Glückselige Fasnet
Zum Verfasser:
Der Verfasser dieser Zeilen ist schon seit fast 50 Jahren aktiv bei der Fasnet dabei und,
so seine eigenen Worte, "liebt die Fasnet". Er ist der Ansicht, dass es leider
Entwicklungen in der Fasnet gibt, die er nicht gut heißen kann, was auch seinen, nach
seinen Worten, "nicht ganz ernst gemeinten Zeilen", zu entnehmen ist.
Den Verfasser, Hermann Palmer kannst du per E-Mail
erreichen.
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